Aufzäumen leicht gemacht

Wir alle kennen diese Situation: Unser Pferd will sich nicht auftrensen lassen, hebt den Kopf hoch, vielleicht sogar so hoch, dass wir nicht einmal mehr hoch genug mit der Trense kommen, um sie korrekt anbringen zu können. Und das ganze endet mehr oder weniger in einem Krampf (oder auch Kampf). Zum einen ist dies keine Lösung. Zum anderen kann das Pferd in sehr hoher Kopfposition auch nicht mehr entspannt das Maul öffnen, um das Gebiss aufzunehmen.
Zunächst einmal sollten alle Faktoren ausgeschlossen werden, die Unbehagen oder sogar Schmerzen beim Pferd als Ursache für seine Abwehrhaltung haben können. Zum Beispiel:

  • Bestehen Zahnprobleme ? Haken, Kanten, Entzündungen?
  • Passt die Trense nicht ? Sind die Backenstücke zu kurz, so dass die Maulwinkel zu hoch gezogen werden ? Werden die Ohren beim Auftrensen abgeknickt ? Passt das Genickstück nicht, so dass Druck auf den Ohrenansatz ausgeübt wird ?
  • Ist das Gebissstück zu kalt (anwärmen im Winter) oder schmeckt es nicht (bestimmte Metalle oder Kunststoffe) ?

Es versteht sich von selbst, dass keine scharfkantigen oder rostigen Gebisse verwendet werden sollten. Das Gebiss sollte so beschaffen sein, dass auch wir als Menschen es in dem Mund nehmen würden (probiert es ruhig mal aus….).

Diese Aufzählung ist sicher nicht vollständig. Wenn Euch weitere Gründe einfallen, schreibt sie bitte in einem Kommentar unter diesem Beitrag. Wir können nur alle daraus lernen.

Nun zum Aufzäumen selbst, das jedoch schon mit dem Aufhalftern anfängt. In beiden Fällen sollte das Pferd nämlich den Kopf tief nehmen. Und zwar so tief, dass wir den (üblicherweise) rechten Arm über den Hals des Pferdes halten können. Das ist nicht nur praktisch für uns, sondern hat auch noch den Vorteil, dass das Pferd mit dem Senken des Kopfes gleichzeitig in eine entspannte Dehnungshaltung gebracht wird. Es ist sogar sehr nützlich, dieses Verhalten in stressigen, angespannten Situationen jederzeit abrufen zu können, um das Pferd zu entspannen.
D.h. also, unser Pferd muss zunächst lernen, den Kopf auf Kommando zu senken. Dazu gibt es zwei Möglichkeiten, wie Bea Borelle, eine wie ich finde fantastische Pferdefrau, in ihrer Arbeit zeigt:

1. Möglichkeit

  • Ich stehe vor dem aufgehalfterten Pferd und zupfe mit der Leine immer wieder nach unten. Sobald das Pferd nachgibt, stelle ich jedes Signal ein und lobe das Pferd.
  • Ich selbst beuge mich dabei ebenfalls nach unten und signalisiere damit zusätzlich über meine Körpersprache, was ich von meinem Pferd möchte.
  • Gleichzeitig streiche ich mit einer Gerte (mit der anderen Hand) das Pferd beständig ab, und zwar über die Halsunterseite, Brust, Beine bis zu den Hufen. Dies mache ich die ganze Zeit, also unabhängig von meinen Zupfsignalen und dem Nachgeben des Pferdes.
  • Die Gerte stellt dabei meinen verlängerten Arm dar. Das Abstreichen soll das Pferd beruhigen und besänftigen und gleichzeitig konzentrieren. Falls das Pferd die Gerte aus schlechter Erfahrung als Bedrohung empfindet, muss ich noch einen Schritt zurück gehen und durch geduldiges Üben die schlechte Programmierung in eine positive umwandeln.
  • Diese Methode hat Linda Tellington-Jones entwickelt, ebenfalls eine tolle Pferdefrau, die TTouches und weitere sehr erfolgreiche Methoden im Umgang mit Pferden entwickelt hat.
  • Ich unterstütze die Übung mit meiner beruhigenden Stimme und durch verbales Lob.
  • Ziel ist es, den Kopf des Pferdes eine Minute lang ruhig in tiefer Stellung zu halten.
  • Wenn das Pferd ausweicht, schicke ich es zurück an den vorherigen Platz. Es soll lernen, dass es sich der Übung nicht einfach entziehen soll.

2. Möglichkeit

  • Ich stehe links neben dem aufgehalfteren Pferd und fasse mit der linken Hand auf den Nasenrücken des Pferdes. Meine rechte Hand lege ich auf das Genick. Nun weise ich mit sanften, wiegenden und seitlich biegenden Bewegungen den Pferdekopf in die Tiefe.
  • Jedes kleine Nachgeben des Pferdes lobe ich deutlich mit der Stimme und mit dem Aussetzen meiner Signale.
  • Auch hier gehe ich mit meinem Oberkörper selbst auch herunter.
  • Wenn das Pferd den Kopf hochnimmt, folge ich mit meinen Händen und setze die Übung fort.
  • Wenn nach einigen Tagen Übung das Pferd immer deutlicher und leichter reagiert, werden gleichzeitig meine Signale immer schwächer.
  • Nach dem Prinzip „vom Bekannten zum Unbekannten“ kann ich nun meine Signale variieren, z. B. leichter Druck auf den Hals, Zupfen am Halfter.

Wenn das Pferd gelernt hat, den Kopf auf Kommando zu senken, kann ich es nun mit tiefer Kopfposition aufhalftern und auch aufzäumen. Dabei halte ich mit der rechten Hand das Genickstück und mit der linken Hand stülpe ich das Halfter über bzw. führe das Gebiss sanft in das Pferdemaul ein. Anschließend lege ich das Genickstück behutsam erst über das eine Ohr und dann über das zweite. Das Abhalftern und Abzäumen geschieht in umgekehrter Reihenfolge. Auch hier sollte der Kopf vorher gesenkt werden.
Und ganz wichtig: Ich lobe meine Pferd jedesmal (!) auch bei den bereits eingeübten, alltäglichen Dingen, und wenn es sie schon tausendmal richtig gemacht hat.

Wenn mein Pferd die Zähne zusammenbeißt und damit die Aufnahme des Gebisses verhindern will, kann ich dem ebenfalls durch TTouches von Linda Tellington-Jones begegnen und auch das Maul entspannen. Und zwar so:

  • Mit der flachen Hand das Maul von außen in kleinen Kreisen massieren.
  • Das Kinn sanft fassen, ebenfalls kreisen und leicht kneten.
  • Auch die Ohren sanft von der Basis bis zur Spitze auszustreichen entspannt das Pferd.
  • Mit den Fingerkuppen sanft die Lippen und das Zahnfleisch massieren.
  • Mit dem Daumen in die Maulspalte gehen und gegen den Gaumen tippen.
  • Mit Zeige- und Mittelfinger im Bereich der Maulspalte bis auf die Zunge gehen und dort etwas „Klavierspielen“.

Wenn das Pferd zunächst mit Abwehr auf die ungewohnten Berührungen reagiert, mache ich beharrlich und sanft weiter. Manche Pferde müssen es erst lernen, diese Massagen zu genießen.

Und noch ein Letztes zum Thema Aufhaltern und Aufzäumen:
Wir lernen üblicherweise, dass wir solche Dinge genau wie das Führen und Aufsitzen immer an der linken Seite des Pferdes vornehmen sollen. Und warum ? Das stammt noch aus der Zeit des Militärs. Die reitenden Soldaten trugen ihre Säbel immer an der linken Seite, um sie mit der rechten Hand bei Bedarf schnell ziehen zu können. Das Pferd musste also immer rechts von den Soldaten gehen, weil es sonst mit den Säbeln in Konflikt kam. Doch mal ehrlich: Das brauchen wir doch heute nicht mehr, oder ? Also können wir solche Dinge auch genauso gut auf der rechten Pferdeseite tun. Das hat außerdem den Vorteil, dass wir der natürlichen Schiefe des Pferdes auch schon bei diesen täglichen Routinedingen begegnen können. Und auch uns tut es gut, diese Dinge von beiden Seiten tun zu können. Denn auch wir haben eine natürliche Schiefe, denn die meisten von uns sind Rechtshänder. Also, was wir von unseren Pferden verlangen (alles auf beiden Seiten gleich gut ausführen zu können), sollten wir auch von uns verlangen. Finde ich zumindest.

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